20.11.2024 | Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
Strom ins Aktiendepot
Die Elektrifizierung des Verkehrs und der Industrie in den Vereinigten Staaten werden den Stromverbrauch stark erhöhen. „Dazu kommt der völlig neue und sehr hohe Elektrizitätsbedarf der Datenzentren zum Betrieb der Künstlichen Intelligenz. Eine Anfrage zu Künstlicher Intelligenz verbraucht ungefähr zehnmal mehr Strom als eine normale Anfrage bei Google“, sagt Georg Thilenius. Der Stuttgarter Vermögensverwalter hat fußend auf der Annahme des steigenden Energiebedarfs in mehrere US-Aktien investiert, mit denen Anleger von diesem Makrotrend profitieren können.
Thilenius rechnet damit, dass nach Jahrzehnten der Stagnation der Elektrizitätsverbrauch in den kommenden zehn Jahren um zwei Prozent jährlich wachsen wird. Dafür nennt er folgende Argumente: „Datenzentren wachsen, da mehr Daten in die Cloud wandern. In Wohnhäusern werden Wärmepumpen konventionelle Heizungen ersetzen. Der Übergang von Verbrennermotoren zu Elektroautos vollzieht sich langsamer als gedacht, aber wird nach neuen Prognosen von derzeit ein Prozent der gesamten Elektrizität bis 2050 auf fünf bis 15 Prozent steigen.“
In die Stromnetze investieren
Im Gespräch mit der F.A.Z. nennt Thilenius sechs etablierte US-Energieunternehmen, die er für Anleger über den Zeitraum der nächsten zehn Jahre für aussichtsreich hält und die hohen Investitionsbedarf haben. Wer diese Aktien kauft, kann also nicht auf hohe Dividenden hoffen, die Unternehmen brauchen ihre Jahresgewinne in den nächsten Jahren wahrscheinlich fast ausschließlich für eigene Investitionen. Aber Anleger helfen, neue, chancenreiche Infrastruktur, Geräte wie Schalter und Kabel sowie Steuerungssoftware zu finanzieren, und nehmen an einem möglichen Gewinnwachstum der Elektrizitätswirtschaft teil. Als Kerninvestment hat Thilenius vor etwa einem Jahr begonnen, für seine Kunden Aktien des Unternehmens Eaton Corp. zu kaufen, seither sind die Aktien um gut 70 Prozent gestiegen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 35 wirkt Eaton hoch bewertet.

Thilenius allerdings hält Eaton für gut positioniert und traut dem Unternehmen ein Gewinnwachstum in den nächsten Jahren von jährlich 15 Prozent zu – dank Kunden wie Amazon und Microsoft, die ihre Datenzentren unabhängig von höherem oder niedrigerem Wirtschaftswachstum aufbauen müssten. Mit 92.000 Mitarbeitern produziere Eaton fast alles, was zur Verbesserung und Effizienzsteigerung der Stromnetze von Haushalten und Industrie gebraucht werde: Thermostate in Häusern, die den Stromverbrauch senken, wenn die Netze zu stark belastet sind; Systeme, die dank Künstlicher Intelligenz den Stromverbrauch vorhersehen und etwa Wohnhäuser mit den in den USA weit verbreiteten Klimaanlagen schon kurz vor der Ankunft der Bewohner je nach Jahreszeit vorkühlen oder vorheizen; Systeme zum Managen der Stromnetze, die Solaranlagen auf Dächern, Unternehmen mit eigenen Generatoren und sogar Batterien so miteinander vernetzen könnten, dass der Strom bei Bedarf an einen Energieversorger weiterverkauft werden kann. Auch nach der Wahl des in Energiefragen als konservativ geltenden Präsidenten Donald Trump ist die Eaton-Aktie weiter auf ein Rekordhoch geklettert. Das trifft auch auf viele der weiteren Aktien zu, die Thilenius empfiehlt.
Energie aus Solar, Gas und Atomkraft
Dazu zählt Emcor, ein 38.000 Mitarbeiter beschäftigendes Bauunternehmen, das unter anderem Datencenter errichtet und Solaranlagen montiert. Die Marktkapitalisierung von Emcor beträgt 22 Milliarden Dollar bei einem zuletzt um 14 Prozent auf 12,6 Milliarden Dollar gewachsenen Jahresumsatz. Nummer drei von Thilenius’ Stromaktien ist Next-Era Energy, ein – wie der Name schon vermuten lässt – Erzeuger erneuerbarer Energie aus Wind und Sonne und Anbieter von Batteriespeichern mit Sitz in Florida, der an der Börse mit 144 Milliarden Dollar ähnlich viel Wert ist wie Siemens mit 140 Milliarden Euro. Außerdem rät der Vermögensverwalter zur Aktie von Constellation Energy, einem Energielieferanten, der vor Sonne und Wind auf Kernkraft setzt.
Wegen des wachsenden Strombedarfs durch KI hat Microsoft im September 2024 gerade mit Constellation einen 20 Jahre laufenden Vertrag zur Abnahme von Strom aus einem derzeit stillgelegten Kernreaktor abgeschlossen. Ein ähnlicher Fall ist Talen Energy, eine weitere Aktienempfehlung von Thilenius. Dieser Eigentümer und Betreiber von Stromerzeugungs- und -übertragungsanlagen arbeitet eng mit Amazon zusammen. Amazons Cloud-Computing-Anbieter AWS kaufte von Talen im Frühjahr 2024 ein Rechenzentrum in Pennsylvania, das nun ausgebaut werden soll und für das Talen mindestens zehn Jahre lang mithilfe eines in der Nachbarschaft stehenden Kernkraftwerkes den Strom liefern wird.
Den Kreis der Stromaktien rund macht Vistra, ein Unternehmen mit Sitz in Texas, das seinen in Erdgas- und Atomkraftanlagen erzeugten Strom auch in Batteriekraftwerken speichert. Mit diesen von Vermögensverwalter Thilenius entdeckten Stromaktien können Anleger ein Stück weit Risiken eines Einzelinvestments auf sechs verteilen und vom wahrscheinlichen Trend zu steigendem Strombedarf profitieren. Das Energieministerium in Washington erwartete zuletzt Kapazitätszuwächse von 2,6 Prozent jährlich über die nächsten 20 Jahre. „Das ist etwa das Doppelte des Wertes seit 1990, womit das Stromnetz 70 Prozent größer wird“, sagt Thilenius. Für ihn ist der Trend damit gut untermauert.
© Text Hanno Mußler, FAZ 2024



